Über Grundtöne

Es gibt akustische Arbeiten, die suchen nach einem Grundton, einem vielleicht verbindenden Element, das sich hinter verschiedenen, zusammengetragenen Geräusch- und Soundscape-Aufnahmen finden lässt. Das Stück “Ballungen I – Amsterdam” zum Beispiel begibt sich auf die Suche nach dem (Grund-)Klang einer Stadt. Und zur akustischen Postkarte Mecklenburgische Seenplatte gibt es eine interessante ergänzende Geschichte, ein Ereignis aus dem Jahr 1981, in dem etwas von genau dem Grundton enthalten ist, den man auch in der Postkarte hören kann.

Helmut Schmidt in Güstrow

Kurzer Vorlauf: Vom 11. bis 13. Dezember 1981 besuchte der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt die DDR zu einem “Arbeitsbesuch” wie es damals offiziell genannt wurde. Diese Visite ist besonders wegen des überraschend guten und entspannten Gesprächsklimas zwischen Schmidt und Erich Honecker in Erinnerung geblieben und wegen eines bemerkenswerten Besuchs der beiden in Güstrow. Es war der ausdrückliche Wunsch von Schmidt Güstrow zu besuchen. Warum? Was wollte Schmidt ausgerechnet in Güstrow?

Maßnahmen …

Die Vorbereitungen und Maßnahmen durch die Stasi vor Ort waren immens. Man wollte auf gar keinen Fall ‘unangenehme Überraschungen’ durch die Bevölkerung erleben wie z.B. zu große Begeisterung für Schmidt oder irgendwelche unkontrollierten Zwischenrufe. Also riegelte man die Stadt kurzerhand komplett ab und inszenierte eine heile Welt. Die Straßen von Güstrow waren an diesem 13. Dezember gesäumt von tausenden Polizisten und Mitarbeitern des MfS (Ministerium für Staatssicherheit), Einwohner bekamen strikte Anweisungen in ihren Häusern zu bleiben und die Fenster nicht zu öffnen. Bereits im Vorfeld als unzuverlässig verdächtigte Personen waren in ‘Vorsorgegewahrsam’ genommen oder gleich der Stadt verwiesen worden. Der Sicherheitsapparat der DDR übte an diesem Tag totale Kontrolle über nahezu jede Bewegung in Güstrow aus. Schmidt und Honecker besuchten auch den Weihnachtsmarkt und waren dabei von mehr verdeckten Mitarbeitern der Polizei und Staatssicherheit umgeben als wirklichen Einwohnern.

Der Schwebende

Was also wollte Schmidt in Güstrow? Er besuchte den Dom, lauschte hier einer auf der Orgel gespielten Fuge von Johann Sebastian Bach und betrachtete danach sehr lange eine Figur des Bildhauers Ernst Barlach, “Der Schwebende”, die heute im linken Seitenflügel des Doms von der Decke hängt. Schmidt war u.a. wegen genau dieser Figur nach Güstrow gekommen.

Betrachtet man eines der damals entstandenen Fotos von Honecker und Schmidt vor dieser Figur und vor allem betrachtet man diese Figur an sich, so lässt sich erahnen, was Schmidt mit seinem Besuch in Güstrow vielleicht ja auch bezweckte. Es gibt Dinge, auf die kann kein noch so großer Sicherheitsapparat, kein Heer von Polizei oder Stasi einwirken …
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(“Der Schwebende” von Ernst Barlach im Dom von Güstrow, Foto: Matthias Bethke/Wikipedia. Foto oben von dguendel/Wikipedia. Beide Bilder CC BY-SA 4.0)

Links:

Eine detaillierte Beschreibung des Besuches von Schmidt inklusive einiger Bilder findet man hier: